MUSIL, Robert 1880 – 1942 | Eigenhändiger Brief an Franz Blei mit eigenhändiger Unterschrift 1924

MUSIL, Robert 1880 – 1942 | Eigenhändiger Brief an Franz Blei mit eigenhändiger Unterschrift 1924

€ 1.000 – 2.000
1 Blatt, A4, 1 Seite
An Franz Blei

Wien,16 November 1924
III. Rasumofskygasse 20.

Lieber Freund.

Verzeihen Sie die Verspätung. Aber solange ich Theaterkritiker des Morgens war, habe ich nur noch Theater gesehen, und seither reicht mir der Roman bis über die Augen, in dessen Berg von noch weichem Teig ich mit dem Schrei des entronnenen Sioux hineinsprang. Ich will natürlich furchtbar gerne für die Zeitschrift schreiben und auch Geld verdienen – ist es wahr, daß es der Roland ist ?? – aber im Augenblick, es ist der erste Augenblick der Überlegung, weiß ich noch nicht was. Ich denke, über alles, und was mir einfällt – die Art haben Sie mir ja angegeben – Aber ich liege innen noch nicht in der Linie. Ich fahre morgen nach Brünn (Augustinergasse. 10) und bleibe voraussichtlich bis Ende der Woche fort; will in dieser Zeit, wo ich mehr spazieren gehen werde als hier, darüber nachdenken. Es freute mich sehr, daß Sie die 3 Frauen der Nennung wert fanden. Ich selbst bin jetzt auch von der Bukum gefragt worden, nach dem Verlust eines ersten Briefs, und werde, damit es nicht zu gegenseitig aussieht, die Frage nach dem stärksten (!) Eindruck – psychologisch so, als ob die Seele aus Plastellin wäre – ablehnen, aber aus verschiedenen Bezirken je ein Buch und dabei das Kuriositätenkabinett nennen, das ich wirklich bewundere Ich hörte, daß Sie eine sehr schöne Erzählung in zwei Varianten in der Dame veröffentlicht haben sollen. Bitte teilen Sie mir die Nummer des Heftes mit, damit ich sie mir kaufen kann. Rowohlt macht mir in der letzten Zeit einige Sorgen; ich finde ihm lau; wahrscheinlich für mich in Lieblosigkeit entbronnen; denn diese Berliner Ihering-Platte scheint ihn doch mehr zu beeinflussen, als er zugibt.

Herzlichst
Ihr Musil.